Manchmal frage ich mich ja wirklich, wie man auf die Idee kommt, freiwillig 12 Stunden laufen zu wollen. Und dann melde ich mich einfach an.
Also ging es am Pfingst Wochenende zusammen mit Claudi, André, Joy 🐶 und natürlich Suerte 🦁 nach Arnsberg zum 12-Stunden-Lauf. Die Mission war klar: möglichst lange durchhalten, dabei das Bein nicht komplett ruinieren und irgendwie Spaß an der ganzen Eskalation haben.
Das Wochenende begann erstaunlich entspannt. Zumindest äußerlich.
Suerte hatte sich selbstverständlich schon im Vorfeld um die wichtigste Sache gekümmert: die Verpflegung. Der Löwe nimmt Carboloading deutlich ernster als das eigentliche Laufen. Ich bin mir inzwischen sicher, dass er Ultras hauptsächlich wegen der Snacks gut findet.
Nach einem gemütlichen Frühstück ging es für uns Richtung Arnsberg. Ferienwohnung beziehen, Taschen ausladen und natürlich erstmal ins nächste Café.
Eigentlich wollten wir dort nur „eine Kleinigkeit“ essen. Nun ja… aus „Kleinigkeit“ wurde relativ schnell „wir essen so, als würden wir morgen einen halben Kontinent durchlaufen“. Speicher mussten schließlich gefüllt werden.
Danach noch kurz Füße hochlegen, später nochmal Abendessen und versuchen zu schlafen.
Wobei „versuchen zu schlafen“ vor einem Ultra ungefähr bedeutet: alle 20 Minuten auf die Uhr schauen und kontrollieren, ob der Wecker wirklich gestellt ist.
Die Nacht war kurz. Sehr kurz Die Nachbarn hatten scheinbar beschlossen, spontan noch ein kleines Dorffest draußen zu feiern und um 4:30 Uhr klingelte dann erbarmungslos der Wecker. Also rein in die Laufsachen, Verpflegung schnappen und ab zum Start. Und dann stand man da plötzlich morgens um 6 Uhr und fragte sich kurz: „Warum genau mache ich das eigentlich freiwillig?“
Die erste Runde lief tatsächlich noch erstaunlich geschmeidig. Im typischen Ultra-Schlappschritt ging es durch Felder, Natur und gefühlt sämtliche Steigungen, die Arnsberg zu bieten hatte. Ich war immerhin vernünftig und ging wirklich jede Steigung konsequent von Anfang an. Und davon gab es reichlich. Sehr reichlich. Runde 2 und 3 wurden langsam zäher und spätestens ab 11 Uhr drehte die Sonne komplett frei. 24 Grad fühlen sich bei einem Ultra plötzlich an wie Wüste Sahara Deluxe. Ab Runde 4 begann dann der typische Ultra-Modus: Laufen, gehen, kurz motivieren, weiterlaufen, nochmal gehen und dabei so tun, als hätte man alles unter Kontrolle. Ab Runde 6 wurde aus „laufen“ langsam eher „motiviertes Vorwärtsbewegen“. Aber bei einem Ultra zählt irgendwann ohnehin nicht mehr die Eleganz. Da zählt nur noch: irgendwie weiter.
Während der Kopf eigentlich noch wollte, meldete sich das Bein immer deutlicher zurück. Ab Runde 7 fing besonders bergab das Knie an zu meckern. Runde 8 wurde dann komplett gegangen. Und irgendwann kam der Punkt, an dem klar war: Das Knie hat heute keinen Vertrag mehr unterschrieben.
Natürlich begann sofort der typische Kampf im Kopf:
„Eine Runde geht vielleicht noch.“
„So schlimm ist es doch nicht.“
„Stell dich nicht so an.“
Aber dann meldete sich Coach Suerte 🦁 zu Wort: „Du kannst jetzt entweder schlau sein oder später jammern.“ Leider hatte der Löwe recht. Wieder mal. Der Arzt hatte vorher bereits gesagt:
„Laufen ja – aber nicht in den Schmerz.“ Und genau deshalb gewann diesmal tatsächlich die Vernunft. Klar wäre theoretisch vielleicht noch eine Runde gegangen. Aber manchmal ist Aufhören eben klüger, als komplett zu eskalieren und danach wochenlang gar nicht mehr laufen zu können. Dann lieber mit halbwegs heilem Bein aus der Nummer rausgehen.
Nach dem Lauf kam erstmal die Dusche. Und plötzlich fühlte man sich kurz wieder wie ein Mensch. Zumindest ungefähr fünf Minuten lang. Die Muskeln sahen das zwar etwas anders, aber immerhin war die Elektrolyt-Plörre endlich vorbei und echtes Essen wieder erlaubt.
Am nächsten Morgen begann dann die eigentliche Königsdisziplin: Aus dem Bett kommen. Die Oberschenkel meldeten sich sofort lautstark zu Wort. Rechts natürlich etwas motivierter als links. Wen wundert’s bei meinem Hinkebein. Sobald man allerdings einmal in Bewegung war, ging es halbwegs. Also körperlich zumindest. Eleganz und Würde blieben weiterhin irgendwo in Arnsberg zurück.
Suerte war natürlich direkt wieder im Schlaumeier-Modus unterwegs: „Hab ich doch gesagt: heiles Bein ist besser als kaputtes Ego.“ Garmin meckerte währenddessen irgendwas von schlechter Form und Erholung. Ich meckerte innerlich zurück, sobald ich wieder normal Treppen laufen kann.
Nach dem Frühstück hieß es dann: Sachen packen und ab nach Hause.
Auch wenn ich den Lauf früher beendet habe als gehofft, war es trotzdem ein richtig schönes Wochenende. Tolle Stimmung, tolle Leute, gegenseitiger Support und dieses typische Ultra-Gefühl zwischen Wahnsinn, Erschöpfung und „Warum tun wir uns das eigentlich an?“.
Riesen Respekt an André, der noch deutlich mehr gelaufen ist
Danke an Claudi für den ganzen Support ❤️
Und an Joy 🐶 fürs Kuscheln zwischendurch.
Und Suerte? Der bedankt sich vermutlich hauptsächlich bei der Verpflegung.
Wer weiß… vielleicht komme ich irgendwann wieder nach Arnsberg zurück. Wenn mein Hinkebein irgendwann beschließt, professioneller mitzuarbeiten. Aber die Pläne für eine Rückkehr sind schon geschmiedet.