Gedanken im Laufschritt: Wenn der Kopf läuft und das Bein nicht mitmacht

Es gibt Dinge, die braucht kein Mensch. Ein Hinkebein zum Beispiel. Vor allem dann nicht, wenn man eigentlich ziemlich gerne läuft.

Angefangen hat es unspektakulär. Ich blieb beim Laufen mit dem rechten Fuß hängen und wäre fast gestolpert. Beim ersten Mal denkt man noch: Okay. Blöd aufgetreten. Passiert.Beim zweiten Mal: Hm. Und wenn es immer wieder passiert, wird aus einem kleinen Stolperer irgendwann diese unangenehme Frage: Was stimmt da nicht?

Plötzlich war mein rechter Fuß offenbar der Meinung, er müsse nicht mehr ganz so zuverlässig anheben wie bisher. Und damit begann eine Geschichte, die ich so definitiv nicht bestellt hatte. Natürlich macht man als Läuferin zunächst das, was Läuferinnen hervorragend können:

Beobachten.
Analysieren.
Hoffen, dass es morgen weg ist.

Spoiler: War es nicht.

Also kamen Physio, Arzttermine, Untersuchungen und immer neue Versuche, herauszufinden, warum mein Bein plötzlich sein eigenes Ding machte. Das Seltsame daran war: Schmerzen waren gar nicht da. Viel schlimmer war dieses Gefühl, dem eigenen Körper plötzlich nicht mehr hundertprozentig vertrauen zu können.

Beim Laufen denkt man normalerweise nicht darüber nach, wie man einen Fuß hebt. Man macht es einfach.Schritt für Schritt. Kilometer für Kilometer. Bis zu dem Tag, an dem genau dieses „einfach“ nicht mehr selbstverständlich ist. Und plötzlich beobachtet man jeden Schritt.

War der gerade normal?
Ziehe ich das Bein wieder?
Bleibe ich gleich wieder irgendwo hängen?
Warum fühlt sich das immer noch so an?

Der Kopf hält währenddessen selbstverständlich permanent Krisensitzung.

Und dann kam mein 12-Stunden-Lauf. Eigentlich ein Tag, an dem ich Kilometer sammeln, kämpfen und irgendwann völlig erledigt, aber zufrieden ins Ziel kommen wollte. Stattdessen war da wieder dieses verdammte Bein. Und irgendwann vor allem dieses Gefühl: Ich trete auf der Stelle. Nicht nur auf der Strecke. Überhaupt.

Ich trainiere.
Ich mache meine Übungen.
Ich gehe zu Terminen.
Ich versuche vernünftig zu sein.

Und trotzdem fühlt es sich an, als würde sich nichts ändern. Das war wahrscheinlich einer der frustrierendsten Teile dieser ganzen Geschichte. Denn mit einem schlechten Lauf kann ich umgehen. Mit einem schlechten Training auch. Dann weiß ich wenigstens: Heute war eben Mist. Morgen geht es weiter.

Aber wenn du irgendwann beim Neurologen oder bei der Physio sitzt und eigentlich nur noch denkst: Jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter. …dann wird es schwieriger. Geduld gehört ohnehin nicht gerade zu meinen herausragenden Talenten. Ich bin eher Team:

Problem erkennen.
Problem lösen.
Haken dran.
Weiterlaufen.

Mein Bein hatte offensichtlich andere Vorstellungen vom Projektmanagement.

Und irgendwann war da noch eine letzte Idee. Kinesiologie. Ich gebe zu: Meine Erwartungen bewegten sich irgendwo zwischen „Vielleicht hilft es ja“ und „Na gut, jetzt probieren wir eben auch noch Hokuspokus“. Es wurde getestet, gedrückt, justiert und Dinge gemacht, bei denen mein rationaler Kopf zwischendurch vermutlich gerne eine wissenschaftliche PowerPoint-Präsentation verlangt hätte. Und dann? Passierte tatsächlich etwas. Nicht plötzlich Wunderheilung. Nicht auf einmal alles wieder perfekt.

Aber zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl: Da ist Licht am Ende des Tunnels. Die ersten Läufe danach fühlten sich anders an. Besser. Und irgendwann kam dieser Moment, in dem ich während des Laufens plötzlich dachte: Moment mal. Das fühlt sich fast normal an. Fast normal. Früher hätte ich über so einen Satz wahrscheinlich gelacht. Normal laufen? Na herzlichen Glückwunsch.

Heute weiß ich, wie groß sich „normal“ anfühlen kann, wenn es eine Zeit lang nicht selbstverständlich war. Und plötzlich waren Pace und Kilometer gar nicht das Wichtigste. Garmin durfte seine Zahlen anzeigen. Mir war etwas anderes wichtiger: Mein Fuß hebt sich. Mein Schritt fühlt sich wieder runder an. Ich muss nicht bei jedem Meter darüber nachdenken, was mein rechtes Bein gerade veranstaltet. Vielleicht ist genau das eine der Lektionen aus dieser Geschichte.

Wir Läufer beschäftigen uns unglaublich viel mit Zahlen.

Pace.
Herzfrequenz.
Kilometer.
Trainingsbelastung.
Bestzeiten.

Aber manchmal ist der größte Fortschritt etwas, das keine Uhr messen kann. Ein Schritt, der sich wieder richtig anfühlt. Ganz durch ist die Geschichte allerdings noch nicht. Beim heutigen Termin kam raus: Drei Muskeln machen noch nicht so mit, wie sie sollen. Also wieder nachjustieren, wieder Übungen, wieder ein bisschen Geduld. Dieses Wort verfolgt mich inzwischen zuverlässig. Geduld. Aber der Unterschied zu vor ein paar Wochen ist groß.

Damals dachte ich oft nur noch: Jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter. Heute denke ich eher: Okay. Dann eben noch ein Stück. Das Licht am Ende des Tunnels ist da. Ich bin nur offenbar noch nicht ganz angekommen. Ob die Geschichte mit meinem Hinkebein endgültig vorbei ist? Keine Ahnung.

Aber ich weiß inzwischen zumindest eines: Manchmal bestimmt der Körper das Tempo. Und der Kopf muss lernen, hinterherzulaufen. Was – seien wir ehrlich – vermutlich mein härtestes Training überhaupt ist.